Flughafenbahnhöfe

Viele Flughäfen haben Bahnhöfe und es ist ganz interessant, diese Anbindung einmal anzuschauen.

Um es vorweg zu sagen, die Flughafenbahnhöfe machen das Fliegen einfacher, schneller und konkurrenzfähiger und führen zu mehr Flugverkehr und vielleicht auch zum Verlust von Bahnreisenden, wenn durch eine gute Flughafenanbindung eine Flugroute gerade konkurrenzfähig mit der entsprechenden Bahnverbindung gemacht wird. Ob das wünschenswert ist oder nicht, ist eine legitime Fragestellung. Aber ich denke, dass der Verzicht auf Flughafenbahnhöfe der falsche Mechanismus ist, um den Flugverkehr einzudämmen oder zu reduzieren. Direktere Mechanismen sind sinnvoller, also z.B. eine Besteuerung und eine CO_2-Abgabe für Flugzeugtreibstoffe.

Flughäfen können natürlich ganz klein sein, es gibt in abgelegenen kleinen Orten zum Teil Flughäfen, wo einige Male am Tag ein Flugzeug landet und startet, dass etwa so viele Fluggäste wie in Bus aufnimmt. Aber die internationalen Flughäfen für Millionenstädte oder für ein ganzes Land generieren in der Regel viel Verkehr, für Reisende selbst, für die Angestellten des Flughafens und der Fluggesellschaften und der vielen Betriebe und für Leute, die Reisende zum Flughafen begleiten oder dort abholen.

Die übliche Anbindung ist eine S-Bahn-Strecke oder Regionalverkehr, was der Tatsache gerecht wird, dass oft ein großer Teil der Reisenden aus der Region kommt. Im Flughafen sollte man 1-3 Stunden vor Abflug eintreffen. ca. 30 min vor Abflug soll man beim Gate sein und 15-30 min für Security, Passkontrolle und die erheblichen Wege innerhalb des Flughafens sind schon fast optimistisch. Mit Gepäck und Checkin im Flughafen braucht man mehr Zeit und wenn man „schwieriges“ Gepäck dabei hat, z.B. ein Fahrrad, oder wenn es eine interkontinentale Reise ist, 3 Stunden. Die Minute mehr oder weniger für den Weg zum Flughafen fällt also nicht so auf. Als Regel kann man wohl etwa eine Stunde für den Weg zum Flughafen rechnen. Alles was kürzer ist, ist „super“, alles was länger ist, fällt dann schon negativ auf. Aber schauen wir ein paar Zeiten an, jeweils vom Hauptbahnhof zum Flughafen:

Stadt/FlughafenReisezeit (ca.) in minZüge pro Stunde (ca.)
Oslo23 3
Stockholm206
Kopenhagen10-146
Helsinki266
Amsterdam14-179
Paris CDG33-388
Brüssel21-236
Madrid27-28 (S-Bahn)4 (S-Bahn)
5-10 (Metro)
Moskau SVOca. 353
Moskau DMEca. 45k.A.
Mailand562
London Paddington - Heathrow154
London Cityca. 60 >5
Frankfurt / Main10-129
München40-436
Hamburg316
Berlin Schönefeld49-5713
Düsseldorf11-126
Zürich9-13 (Zug)
48 (Tram)
13 (Zug)
7 (Tram)
Genf75

Es gibt aber auch viele wichtige Städte, die gar keinen Bahnanschluss, weder Metro noch Zug, zum Flughafen haben, z.B. Kiew, Belgrad oder St. Petersburg. Und der Bahnanschluss in Helsinki ist auch erst etwa seit 2016 verfügbar. In Berlin existiert der Bahnanschluss schon, aber der „richtige“ Flughafen ist erst in Bau.

Dass die Reisezeiten so verschieden lang sind, liegt einerseits an der unterschiedlichen Entfernung. Neuere Flughäfen werden grundsätzlich ziemlich weit entfernt von der Stadt gebaut, weil der Fluglärm im dicht besiedelten Gebiet für einen vorhandenen Flughafen wohl mehr oder weniger ertragen wird, aber für einen Neubau nicht akzeptiert wird. Außerdem braucht man viel Platz und der ist auch in der Nähe großer Städte immer knapp. Für London hat man in Betracht gezogen, eine künstliche Insel ala Dubai oder Hongkong zu bauen, die groß genug für einen Flughafen ist, der die fünf heutigen Flughäfen ersetzen könnte, der Engpass war aber wohl das Geld…

Außerdem spielt es eine Rolle, wie schnell die Züge sind. So gibt es eigentlich drei Arten von Bahnanbindungen. Regionalzüge oder S-Bahnen werden bis zum Flughafen verlängert und halten unterwegs oft. Das haben z.B. München, Zürich, Berlin, Hamburg und Frankfurt, wobei es in Frankfurt und Zürich nicht auffällt, weil die Entfernung relativ kurz ist. In einigen Fällen halten auch Fernzüge dort, meist zusätzlich zum Regionalverkehr. Das ist in Zürich und Frankfurt und Genf der Fall. In Genf enden sie beim Flughafen und dienen auch der regionalen Verbindung zwischen Stadt und Flughafen. In Frankfurt und Zürich hat der Flughafen überregionale Bedeutung und die Fernzüge dienen so als Zubringer von weiter entfernten Orten, z.B. Köln Hbf – Frankfurt-Flughafen oder Karlsruhe Hbf – Frankfurt-Flughafen in jeweils ca. einer Stunde. Für München redet man von so etwas und es sollen Züge von dort in Richtung Regenburg und Rosenheim fahren können. Nürnberg oder Augsburg könnten auch in etwa einer Stunde an den Münchener Flughafen angebunden werden, wenn entsprechende Strecken gebaut würden. Nürnberg hat zwar einen eigenen Flughafen, aber München hat einfach viel mehr Direktverbindungen. Kiel hat an den Hamburger Flughafen nur eine Bahnanbindung über Hamburg Hbf, die etwa 2 Stunden dauert, bei unter 100 km Luftlinienentfernung. Allerdings gibt es eine Buslinie, die davon profitiert, dass der Flughafen auf der „richtigen“ Seite der Stadt liegt. Auch von Lübeck dauert es 1:20, bei ca. 50 km Luftlinienentfernung.

Es stellt sich auch die Frage, ob bei entsprechend guter Bahnanbindung eines großen Flughafens kleine Regionalflughäfen noch eine Existenzberechtigung haben. Die Flughäfen in Kiel und Lübeck sind sogar ohne so eine Anbindung geschlossen worden. Zum Teil suchen sie sich dann Nischen wie „Billigairlines“, die bestimmte „Punkt-zu-Punkt“-Verbindungen von einem abgelegenen Regionalflughafen anbieten, aber es wird sich zeigen, ob das Modell eine langfristige Perspektive hat. Öffentliche Gelder investiert man besser in eine Anbindung des größeren Flughafens mit vielen interessanten Verbindungen als in den prestigeträchtigen eigenen Flughafen mit viel kleinerem Verkehrsnutzen.

Ein Modell für die Anbindung, das in einigen Städten praktiziert wird, sollte noch erwähnt werden. In Stockholm und Oslo hat man z.B. eine relativ schnelle (200 km/h) Bahnstrecke zum Flughafen gebaut. Züge fahren mehrmals pro Stunde vom Hauptbahnhof mit wenigen Halten zum Flughafen und enden dort oder fahren noch ein kurzes Stück weiter. So kann auch ein entfernter Standort wie in München zeitlich nah an die Stadt rücken. Allerdings sind in Oslo und Stockholm die Strecken dieser Flughafen-Express-Züge zu >90% auch für Fernzüge in Richtung Norden nutzbar. London-Heathrow hat auch so einen dezidierten Flughafenzug, der eine sehr schnelle Anbindung bietet. Allerdings kostet dies ein Vielfaches der Alternative, in ca. 45 min mit der Metro dorthin zu fahren.

Ein Problem stellt sich dem Reisenden in der Praxis häufig: Man möchte z.B. von Basel nach St. Petersburg reisen. Die Seiten der Bahn bieten die Bahnreise für die ganze Strecke an, das sollen sie auch tun. Die Seiten der Fluggesellschaften bieten die Flugreise an. Also z.B. von Basel nach Frankfurt und dann mit ein paar Stunden Aufenthalt weiter nach St. Petersburg. Das sollen sie auch so tun, denn das ist ihr Universum. Aber man könnte doch z.B. ein „Set“ von Flughäfen angeben. In London ist es oft egal, welchen der fünf Flughäfen man nimmt. Und in der Schweiz kann man auch Basel durch Zürich und vielleicht sogar durch Frankfurt substituieren und statt einer langen Wartezeit diesen Weg mit dem Zug fahren.

Abgesehen davon, dass es mühsam ist, die Reise so zu bekommen, wie man sie möchte, hat man noch zwei weitere Probleme. Flugpreise sind hochgradig intransparent. Der Flug von Frankfurt nach St. Petersburg alleine kann sehr viel teurer sein als der entsprechende Flug als Teil einer Umsteigeverbindung mit langen Wartezeiten in Frankfurt. Auf der Rückreise nur mit Handgepäck kann man einfach den letzten Teil verfallen lassen. Auf der Hinreise ist das explizit ausgeschlossen, sobald man beim Zubringerflug nicht auftaucht, wird die ganze Reisekette storniert, normalerweise ohne dass es Geld zurückgibt. Wäre es sinnvoll, bei den Preismodellen so zu regulieren, dass sie „monoton“ sein müssen, dass also Preis(„Flug X + Flug Y“) >= Preis(„Flug X“) gelten muss? Mir sind unnötige Regulierungen sehr unsympathisch, aber hier wäre es vielleicht hilfreich. Auch eine Flugreise, deren Hinweg Basel – St. Petersburg ist und deren Rückweg St. Petersburg – Zürich ist, wäre zwar kundenfreundlich, aber sie ist im System für Online-Buchung nur sehr mühsam zu finden und man bezahlt sehr viel mehr als wenn es auf beiden Wegen derselbe Ort ist. Ich vermute, dass dahinter Unfähigkeit steckt, komplexere Lösungen auf Business-Seite und auf Informatik-Seite kundenfreundlich umzusetzen. Es könnte sich für Fluggesellschaften lohnen, das zu „lernen“, denn sie könnten z.B. dem Kunden, der von Basel nach St. Petersburg und zurück reisen will, auf dem Rückweg die Reise nach Zürich anbieten, um damit ihre Flugzeuge gleichmäßiger auszulasten oder eben lange Wartezeiten zu ersparen, die sich negativ auf das Erlebnis mit dieser einen Fluggesellschaft auswirken. Ob so ein „Set“ implizit definiert ist, weil man weiß, wo es gute Bahn-/ÖV-Verbindungen gibt, oder ob der Kunde sein Set selber definieren soll, will ich hier offen lassen.

Das andere Problem ist, dass einem geholfen wird, wenn man Anschlüsse innerhalb des einen Systems verpasst. Beim Wechsel von Bahn zu Flug oder umgekehrt hat man Pech gehabt. Mindestens empfiehlt es sich, den teureren umbuchbaren Tarif zu verwenden, wenn man den Flug wegen Zugverspätung oder den Zug wegen Flugverspätung verpassen könnte.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Reisende, die von Basel nach St. Petersburg reisen wollen, den Zug nehmen. Ich wünsche mir, dass die Strecken und der Nachtzugverkehr entsprechend ausgebaut werden, dass das für viele Reisende eine realistische Alternative ist. Aber es wäre schon ein Gewinn, wenn der Weg zum Flughafen mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt wird und wenn auch noch der Kurzstrecken-Zubringerflug durch eine Bahnfahrt ersetzt würde.

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е und ё

Russisch wird mit der kyrillischen Schrift geschrieben. Es gibt dort zwei Buchstaben, „е“ und „ё“, die sehr ähnlich aussehen, etwa wie „a“ und „ä“ sich ähneln, aber die recht verschieden gesprochen werden. „е“ ist je nach Kontext ein „e“, das den vorherigen Konsonanten so verändert, dass er gesprochen wird, als käme danach ein „i“, aber in Wirklichkeit kommt ein „e“. Manchmal wird es auch wie „je“ gesprochen. Das klingt merkwürdig, kommt aber in leicht abgewandelter Form in sehr vielen Sprachen vor. Das „ё“ verhält sich ähnlich, wird aber selbst wie ein „o“ oder wie „jo“ gesprochen. Sinnvollerweise erlaubt die Schriftsprache es, zwischen diesen beiden Buchstaben zu unterscheiden. Man darf aber auch „е“ statt „ё“ schreiben und das wird sehr häufig getan.

Russischsprachige Leser sind es gewohnt, so etwas zu lesen und die Schwierigkeit ist inexistent und es wird nicht einmal wahrgenommen. Aber für weniger geübte Leser ist das eine erhebliche Schwierigkeit, die eigentlich unnötig ist. Da Russisch nicht nur die Muttersprache vieler Menschen ist, sondern in wesentlich geringerem Maße als Englisch auch eine Rolle als Kommunikationssprache für Menschen spielt, die nicht dieselbe Muttersprache haben, wäre es eigentlich gut, wenn man in Büchern, Zeitungen und allen gedruckten Texten das „ё“ benutzen würde.

Man kann es auch so sehen: Ein Text wird in der Regel einmal geschrieben und dann sehr oft gelesen. Das Lesen passiert viel häufiger und es ist sinnvoller, das Lesen effizient zu machen als das Schreiben. In diesem Fall hat man auch versucht, mit Computerprogrammen die Buchstaben nachträglich zu korrigieren. Das funktioniert einigermaßen gut, aber nicht zu 100%. Geübte und muttersprachliche menschliche Leser können es zu 100% und das noch ganz schnell und ohne überhaupt etwas davon wahrzunehmen.

Man findet Beispiele wie dieses in viele Sprachen. Oft kann man Texte nur korrekt vorlesen, wenn man die Wörter kennt. Sprachen wie Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch haben einigermaßen handhabbare Regeln, wie man Wörter ausspricht und die auch bei unbekannten Wörtern meistens einigermaßen gut funktionieren. Finnisch oder Esperanto sind in dieser Hinsicht (fast) perfekt. Russisch fehlt die Information, welcher Vokal betont werden soll. Tückerweise wechselt das noch bei verschiedenen Deklinations- und Konjugationsformen. Und ein unbetontes „о“ wird normalerweise (ähnlich) wie „a“ gesprochen, ein betontes (ähnlich) wie „o“. Englisch ist noch etwas schlimmer, weil dort dieselben geschriebenen Vokale abhängig vom Wort sehr verschieden ausgesprochen werden können. Man kann sagen, dass es keine einfach lernbaren Regeln gibt, aber man lernt die Wörter mit der Zeit und bekommt irgendwann auch ein Sprachgefühl, das für unbekannte Wörter richtig liegen kann. Oder auch nicht. Bei Namen kann das oft schief gehen. Man denke nur an „Edingburgh“, das ähnlich wie „Ednborro“ gesprochen wird, oder an Jira, das wie „Dschira“ aber bitte nicht wie „Dschaira“ gesprochen wird.

Arabisch und interessanterweise alle Sprachen, die die arabische Schrift verwenden, ist noch eine Steigerung, weil man die Vokale üblicherweise beim Schreiben ganz weglässt, obwohl es Zeichen dafür gibt. Das macht das Lesen noch schwieriger, wiederum natürlich nicht für den geübten Muttersprachler. Bei anderen Sprachen wie Chinesisch kann man den Zeichen gar nicht ansehen, wie das Wort gesprochen wird, wenn man sie nicht kennt. Diese Schrift ist so schwierig, dass es sogar für Muttersprachler lange dauert, sie gut genug lernen.

Zweckmäßig wäre eine Buchstabenschrift, die zumindest beim Lesen mit einem überschaubaren Satz von Regeln für die Aussprache auskommt und bei der das auch für Wörter, die man nicht kennt, zuverlässig funktioniert. Es kann durchaus noch mehrere Schreibweisen geben, die gleich ausgesprochen werden. Damit kann man beim Lesen Homonyme, also bedeutungsmäßig verschiedene Wörter, die gleich gesprochen werden, unterscheidbar machen. Das soll vor dem ersten Weltkrieg bei Russisch der Fall gewesen sein, wo man das Wort „мир“, das „Welt“ und „Frieden“ bedeuten kann, zwar gleich gesprochen, aber auf zwei verschiedene Arten geschrieben hat. Im Deutschen kennen wir z.B. „wider“ und „wieder“ oder „dass“ und „das“, die gleich gesprochen, aber je nach Bedeutung verschieden geschrieben werden.

Übrigens könnte man eine große Menge von Sprache, auch z.B. Deutsch, Englisch oder Spanisch, mit der kyrillischen Schrift schreiben. Weil die kyrillische Schrift für eine Vielzahl von Sprachen eingesetzt wird, gibt es ähnlich den Umlauten als Ergänzung für Deutsch zum lateinischen Alphabet eine große Menge an zusätzlichen Zeichen zum „Standardalphabet“, die dabei helfen könnten. Weil man sich bei der Gelegenheit teils gezwungenermaßen, teils weil es sich anbietet und zweckmäßig ist, auf eine viel phonetischere Schreibweise wechseln würde, wäre diese z.B. für Deutsch sogar nach einer Eingewöhnungszeit einfacher zu lesen und zu lernen als unsere heutige Rechtschreibung. Dabei könnte man das natürlich genausogut mit einer sehr radikalen Rechtschreibreform mit dem lateinischen Alphabet hinbekommen, wenn man dafür entsprechende Erweiterungen aus verschiedenen Sprachen zusätzlich zu „ä“, „ö“, „ü“ und „ß“ nutzen würde, nur wäre so eine Rechtschreibung zu komisch, als dass man sie in einer Reform akzeptieren würde.

Aber Sprachen sind nicht nur Zweckmäßigkeit, sondern sie sind ein Stück Kultur. So werden wir weiterhin gelegentlich beim Lernen von Sprachen fluchen, weil die eine oder andere unnötige Hürde beim Schreiben und vor allem beim Lesen auftritt. Und Ausländer, die Deutsch lernen und auch Schüler in den unteren Klassen werden auch in Zukunft damit ihre kleinen Schwierigkeiten haben. In Vergleich zu einigen asiatischen Sprachen ist es immer noch einfach, das Lesen und das Schreiben zu lernen.

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Was haben die Ukraine, Norwegen und Irland gemeinsam?

Eigentlich ist die Frage schnell beantwortet. Alle drei Länder wurden im Laufe der letzten tausend Jahre für viele Jahrhunderte von einem benachbarten „Bruderland“ regiert. Dänemark und später Schweden in Norwegen, Großbritannien oder England in Irland und Russland als Zarenreich oder später als Teil der Sowjetunion in der Ukraine, wobei dort noch andere Nachbarländer in verschiedenen längeren Zeiträumen aufzuzählen wären, wenn man wirklich die letzten tausend Jahre anschaut.

In allen Fällen glauben viele aus der Ferne, dass die beiden jeweiligen Bruderländer sehr ähnlich seien. Man nimmt wahr, dass die Sprache (fast) gleich ist, die Leute (fast) gleich aussehen und dass es auch sonst noch einige Ähnlichkeiten gibt, die noch etwas über das hinausgehen, was in ganz Europa ähnlich ist. Darüber zu schreiben bringt nichts, man kann es selbst erleben, wenn man mit offenen Augen reist oder Leute aus diesen Ländern trifft. Fragt man die Leute in den betreffenden Ländern, wird man feststellen, dass sie sich als Iren, Ukrainer und Norweger fühlen und natürlich nicht als Briten, Russen und Dänen oder Schweden. Es sei denn man hat zufällig einen Briten, Russen, Dänen oder Schweden erwischt, der in dem jeweiligen Land lebt (vielleicht sogar eingebürgert) und sich aber weiterhin als Brite, Russe, Däne oder Schwede fühlt.

Nun kommt die Frage der Sprache auf. In allen drei Fällen hat die Zeit in dem gemeinsamen Staat mit dem „großen Bruder“ ihre Spuren in der Sprache hinterlassen.

In Irland wurde die irische Sprache fast vollständig von der englischen Sprache verdrängt. Nur noch eine Minderheit spricht Irisch als Muttersprache, aber alle lernen es in der Schule und es ist offizielle Landessprache. Immerhin soll heute knapp die Hälfte der Iren die „eigene“ Sprache beherrschen, auch wenn Englisch die Muttersprache war und im Alltag dominiert. Man hat aber viel getan, um die Irische Sprache wiederzubeleben. Das ist eine keltische Sprache. Die Kelten haben einmal weite Teile von Europa besiedelt, nicht nur Frankreich, Irland und England. Man denke nur an die Galater auf dem Gebiet der heutigen Türkei. In England ist die keltische Sprache verschwunden und durch das Englische verdrängt worden, in Schottland und Wales gibt es aber noch ein paar Sprecher. Irisch ist eine indogermanische Sprache und man erkennt vielleicht eine entfernte Ähnlichkeit zu anderen indogermanischen Sprachen, aber die Ähnlichkeit zwischen Irisch und Deutsch oder Englisch ist gefühlt auf den ersten Eindruck etwa so groß wie die Ähnlichkeit zwischen Deutsch und Russisch.

In der Ukraine hat sich in verschiedenen Gebieten die russische Sprache auch unter Ukrainern verbreitet. Im Westen wird überwiegend Ukrainisch gesprochen. Aber in Kiew hört man mehr Russisch als Ukrainisch, wohlgemerkt von Ukrainern und nicht nur von der großen Russischen Bevölkerungsgruppe, die in dem Land lebt. Nun ist Ukrainisch die einzige offizielle Landessprache. Beschriftungen, Wegweiser, Beschreibungen in Museen sind nur auf Ukrainisch oder wenn eine zweite Sprache dazu genommen wird, auch auf Englisch. Es wird als wichtig empfunden, die ukrainische Sprache zu können, auch für diejenigen, die mehr Russisch sprechen.

In Norwegen spricht man natürlich Norwegisch. Das ist aber eine kompliziertere Sache als man denkt, weil die gesprochene Sprache, zumindest das „richtige“ gesprochene Norwegisch Dialekte sind. Diese sind verschieden und man kann lernen, ein großes Spektrum an Dialekten zu verstehen. Geschrieben wurde auf Dänisch. Das war die Schriftsprache in diesem dänisch-norwegischen Staat mit Kopenhagen als Hauptstadt. Es war ähnlich genug, um es leicht zu lernen, aber wie bei Deutsch oder Italienisch natürlich nicht identisch mit den jeweiligen Dialekten. Heute kann man Norwegisch als „Bokmål“ schreiben, das sich 200 Jahre von Dänisch getrennt entwickelt hat und leichte Unterschiede aufweist. Oder als Nynorsk, das man aus den Dialekten konstruiert hat. Es gibt beide Sprachen als Wikipedia. Beides sind Landessprachen. Und man lernt beides in der Schule. Nynorsk wäre einfacher, weil es näher an der gesprochenen Sprache ist. Aber Bokmål hat so einen großen Vorsprung, weil Bücher und Zeitungen überwiegend in Bokmål erscheinen. Vielleicht gerade weil das Verhältnis mit den Nachbarländern entspannt ist und Norwegen ein gut funktionierendes Land ist, dessen Bewohnern es gut geht, wird die Wichtigkeit der Nynorsk-Sprache für die Identität nicht überall als so wichtig empfunden.

Grundsätzlich kann man aber in allen drei Ländern Menschen finden, die die eigene Sprache als wertvoll und wichtig für die Identität empfinden. Hier zeigt sich auch ein bedeutender Unterschied. Ich habe viele Iren getroffen, die die Irische Sprache als Ballast empfunden haben. Und Norweger, die sich so ähnlich über Nynorsk geäußert haben. Aber alle Ukrainer, die ich getroffen habe, hatten eine postive Meinung über die ukrainische Sprache.

Was man bei den drei Ländern sehen kann: Norwegen hat heute ein gutes Verhältnis zu Dänemark und Schweden. Es mag Witze über das jeweils andere Land geben. Und wegen irgendwelcher konkreter Themen auch mal Verstimmung. Aber ich glaube nicht, dass sich Dänen oder Schweden gegenüber Norwegen als „großer Bruder“ aufführen wollen, sondern dass sich die drei Länder eher als gleichberechtigt untereinander verstehen. Das ist vorbildlich.

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