Bahn und Militär

Es scheint in vielen Ländern Verknüpfungen zwischen Bahn und Militär gegeben zu haben oder immer noch zu geben:

  • Das Militär setzte im 19. Jahrhundert beim Bahnbau oft Streckenverläufe durch, die verkehrstechnisch unzweckmäßig waren (und noch sind), aber den Bedürfnissen des Militärs entsprachen.
  • Brücken müssen oft „Sprengschächte“ haben, damit man sie leichter zerstören kann.
  • Die Bahn wird gezwungen, Dieselloks vorzuhalten, die auch noch fahren können, wenn die Oberleitung zerstört wurde.
  • Ersatzbrücken müssen vorgehalten werden, die man behelfsmäßig für zerstörte oder gesprengte Brücken einsetzen kann.
  • Militärangehörige dürfen gratis oder zu vergünstigten Konditionen mit der Bahn fahren, nicht immer zur Freude der Mitreisenden.

Die Frage stellt sich, ob auf diese Weise Militär-Ausgaben als „Bahndefizite“ getarnt werden. Die Antwort ist sicher vom Einzelfall abhängig und bei subtileren, undurchschaubaren Dingen wie den ersten vier Punkten dürfte die Versuchung groß sein, das zu tun, zumal „bürgerliche“ Politiker (wozu in diesem Zusammenhang, also Militär und Verkehr, auch die deutsche SPD und die deutschen Grünen zählen) mögen meistens das Militär und den motorisierten Individualverkehr sehr gerne und sind kritisch oder gar ablehnend gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln und der Bahn. So kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, dem Militär noch zusätzliches Geld zuschanzen und der Bahn Defizite vorwerfen und Strecken- und Angebotsabbau fordern. Und dann Straßenbau, um den verlagerten Verkehr mit Autos zu bewältigen. Oder ganz witzig, Straßenbau, damit genug Platz ist für Linienbusse. Dass fast alle Straßen auf dieser Erde hochgradig defizitär ist, wird natürlich ausgeblendet.

Zu den Punkten im einzelnen: Die Streckenverläufe sind tatsächlich oft in Zusammenarbeit mit dem Militär und unter Berücksichtigung von deren Bedürfnissen entstanden. In Schweden sieht man es mit einem Blick auf die Landkarte besonders deutlich, weil dort die Orte an der Küste liegen, aber die Nord-Süd-Strecken weitgehend im Landesinnern verlaufen, mit Stichbahnen zur Küste. Nun hat man inzwischen von Stockholm bis Umeå küstennahe Strecken erstellt, aber im Grunde genommen wäre eine vollständige Küstenbahn von der finnischen Grenze bis Trelleborg oder Malmö sinnvoll. Diese Altlast wird aber wohl nur teilweise korrigiert werden und längerfristig ein Nachteil der Bahn bleiben, während gut ausgebaute Küstenstraßen natürlich existieren. In Ländern mit höherer Besiedlungsdichte und dichteren Bahnnetzen fällt das weniger auf, aber auch dort wurden einige Strecken überwiegend für die Bedürfnisse des Militärs gebaut, etwa an der Südgrenze zur Schweiz, wo die kürzere und verkehrlich sinnvolle Verbindung mehrmals durch die Schweiz führt. Sie existiert und wird rege genutzt, während man zusätzlich teure Umgehungsstrecken gebaut hat, um dort Militärtransporte durchführen zu können.

Nun ist es aber so, dass man die Koordinaten von Brücken gut kennt und jemand mit einer Armee z.B. eine Rakete auf diese Brücke schicken kann. Sie wird dann mit einer Behelfsbrücke wieder aufgebaut und dann schickt der nette Raketenbesitzer nochmal eine Rakete, bis alle Behelfsbrücken verbraucht sind. Dann ist die ganze Bahnstrecke unbrauchbar. Deshalb mögen Militärleute heute Straßen, weil es meistens viel mehr Ausweichrouten gibt und weil man oft eine Fähre an einem beliebigen Ort einrichten kann um eine Brücke zu ersetzen, was das Unterbrechen der Verbindung erschwert.

Zu beurteilen, wie realistisch das Szenario ist, dass die Oberleitungen zerstört werden, aber die Gleise noch vollständig benutzbar sind, überlasse Euch. Tatsache ist aber, dass Bahnen deshalb Diesel- oder gar vor wenigen Jahrzehnten noch Dampfloks vorhalten mussten. Das hat dann dazu geführt, dass sinnvolle Elektrifizierungsprojekte nicht umgesetzt werden konnten, weil man dann die Dieselloks nicht hätte nutzen können. Das scheint heute keine große Rolle mehr zu spielen, außer dass eben Strecken, die in Deutschland in der großen Elektrifizierungswelle der 60er und 70er Jahre nicht berücksichtigt wurden, zum Teil heute noch mit Diesel laufen. Man hat in einem Land irgendwann sogar die Sinnlosigkeit der „strategischen“ Dampfloks erkannt, weil es nicht genügend Museumsbahnen gibt, bei denen man noch Leute findet, die Dampfloks bedienen können. So hat man letztlich nur Geld weggeworfen, ohne dass es dem Militär irgendwas genützt hätte. Interessanterweise hat man in der Schweiz umgekehrt aus „strategischen“ Gründen fast alle Bahnstrecken elektrifiziert. Seit etwa zwei Jahren sind meines Wissens alle fahrplanmäßig für Personenverkehr genutzten Strecken elektrifiziert und Diesel kommt nur für Güterverkehr, Museumsbahnen (dort auch oft Dampf), Abstellanlagen, Rangierbahnhöfen, Güterbahnhöfen u.ä. zum Einsatz. Oder bei (seltenen) Oberleitungsstörungen.

Interessant ist die Frage, wie weit die Freifahrten der Militärangehörigen vom Verteidigungshaushalt oder von der Bahn selber übernommen werden. Weiß darüber jemand etwas? Militärangehörige sollen selbstverständlich gerne mit der Bahn fahren, am liebsten ohne gefährliche Gegenstände wie Waffen und Patronen und ähnliches mitzuführen. Auch hier freue ich mich über die Bewältigung von Verkehr mit unweltfreundlicheren Verkehrsträgern.  Aber sie sollten sich genau wie Fussballfans und alle anderen Reisenden mit exzessivem Alkoholkonsum und mit Randalieren zurückhalten, auch wenn etwas beschönigend gesprochen „Randale“ ihr Job ist.

Share Button

Ein Gedanke zu „Bahn und Militär

  1. Pingback: Ländervergleich Investitonen Schiene | Karl Brodowskys Blog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*