Bahnverkehr in Nordamerika

Es ist bekannt, dass in Nordamerika, speziell in den Vereinigten Staaten, der Personenverkehr mit der Bahn und generell mit öffentlichen Verkehrsmitteln in dem größten Teilen des Landes nicht so gut ist. Stimmt das überhaupt? New York hat das umfangreichste U-Bahn-System der Welt, auch wenn es durch Systeme, die weiter ins Umland reichen und damit Regionalverkehrsfunktion übernehme, an Streckenlänge übertroffen wird. Die Stadt hat auch S-Bahnen oder Regionalverkehr, die etwa 100 km in die Umgebung reichen und Fernverkehr, wobei dieser gemessen an den Einwohnerzahlen und der Besiedlungsdichte der Region sicher noch ausbaufähig wäre. Der Rest des Landes hat tatsächlich nur relativ kleine Systeme an öffentlichen Verkehrsmitteln. Es soll sogar Städte mit über 300’000 Einwohnern geben, die in ihren städtischen Gesetzen die Durchführung von ÖPNV explizit verbieten. Kann jemand dazu etwas bestätigen oder das Gegenteil belegen? Das würde mich interessieren. Bekannt ist auch, dass es gegen Verlängerungen von U-Bahn-Linien, S-Bahn-Linien oder Regionalzuglinien oft Widerstände gibt. Man sagt dort, dass gute öffentliche Verkehrsmittel ein schlechtes Publikum anziehen. Oft wird nicht ausgesprochen, was damit konkret gemeint ist, aber das ist klar. Die politisch korrekte Antwort lautet, dass die Leute ihre Abneigung gegen das „schlechte Publikum“ fallen lassen sollen, aber sie tun es nicht und so bleiben die öffentlichen Verkehrsmittel aus diesem Grund manchmal auf der Strecke.

Es gibt aber auch Beispiele, wo funktionierende ÖV-Systeme bewusst von Unternehmen an die Wand gefahren wurden. Detroit soll einmal ein gutes Straßenbahnsystem gehabt haben, das von Autofirmen übernommen und heruntergewirtschaftet wurde. Wer weiß dazu etwas mehr? Los Angeles hatte ein gutes Straßenbahn und Regionalbahnsystem, das von Ölfirmen gekauft und heruntergewirtschaftet worden sein soll. Es gibt aber auch andere Einflussfaktoren. So hat der Staat, wie fast überall auf der Welt, ein umfangreiches Straßennetz gebaut, das überwiegend gratis benutzt werden kann. Und Flughäfen wurden auch vom Staat gebaut. Dagegen sind die Bahnstrecken überwiegend in Besitz von Privatfirmen, die einer sehr hohen Steuerbelastung unterliegen. Gemäß Hajo Zierckes Webseiten sind schon attraktive Bahnstrecken stillgelegt worden, um Steuern zu sparen, z.B. die „Great Northern“, eine relativ gut ausgebaute transkontinentale Bahnstrecke im Norden der Vereinigten Staaten. Ein anderes Handicap sind die Vorschriften, die dazu zwingen, Züge unnötig schwer zu machen und die es verhindern, das schnelle Befahren von Kurven mit Neigetechnik auszunutzen. Auch dazu könnt Ihr auf Hajos Seite einiges finden. Ohne näher darauf einzugehen, wie die Details aussehen, kommt doch der Gedanke auf, dass Korruption im weiteren Sinne im Spiel ist und die Öl-, Auto- und Flugfirmen den Aufbau eines wirklich guten Bahnsystems für Personenverkehr zu verhindern versuchen.

Nun hört man oft, dass die Vereinigten Staaten dünn besiedelt seien. Das stimmt so nicht, gemessen an der Landfläche der Erde haben sie eine eher überdurchschnittlich hohe Besiedlungsdichte, wobei natürlich unbewohnte und schwer bewohnbare Landflächen in den Polarregionen, Wüsten, Feuchtgebieten, Regenwäldern und Gebirgen da mit einfließen. Da die Bevölkerung, wie in den meisten Ländern, ungleichmäßig verteilt ist, gibt es dünn besiedelte Gegenden. Aber andererseits wohnen die meisten Menschen in recht dicht besiedelten Gebieten, die Potential hätten, gute öffentliche Verkehrsmittel und speziell auch Bahnverkehr zu haben.

Nun sagt man, dass das Land so groß sei und die Entfernungen deshalb auch. Das stimmt. China hat etwa dieselbe Größe, viermal so viele Einwohner, aber weniger Wirtschaftskraft. Und China konnte innerhalb von wenigen Jahren das größte Netz an Hochgeschwindigkeitsstrecken der Welt aufbauen, das lange Entfernungen in der dicht besiedelten Hälfte des Landes problemlos überwindet. In den Vereinigten Staaten konnte man auch durchgängig vier- und mehrspurige Interstate-Straßen quer durch das ganze Land bauen. Ein Hochgeschwindigkeitsbahnnetz, das in den dichter besiedelten Regionen, z.B. einem etwa 500 km breiten entlang der Küsten und der großen Seen, eine größere Dichte hat und einige transkontinentale Verbindungen beinhaltet, wäre also durchaus möglich. Vielleicht werden einige kleine Schritte in der Richtung stattfinden, etwa in Kalifornien oder ein weiterer Ausbau an der Ostküste, ein paar 100 km von New York nach Nordosten und Südwesten, wo der einzige Hochgeschwindigkeitszug des Landes heute schon verkehrt.

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1 thought on “Bahnverkehr in Nordamerika

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