Bahnfahren in Dänemark

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Die dänische Bahn ist leider ein trauriges Kapitel für dieses Land. Nach einigen Erfahrungen als Transitreisender nach Norwegen und Schweden kann man das so sagen, ohne von den Zufälligkeiten des Einzelfalls geprägt zu sein. Diese Beobachtung bezieht sich auf den Fern- und Transitverkehr. Der Kopenhagener Regional- und S-Bahn-Verkehr ist dagegen einigermaßen brauchbar, soweit ich das beobachten konnte.

Erst einmal ist es eine reine Niedriggeschwindigkeitsbahn. Man sagt, dass es Strecken geben soll, die für 140 km/h oder sogar für 180 km/h ausgebaut sind, aber reale IC-Züge kommen kaum auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 50 km/h auf längeren Strecken, vor allem wenn man die Straßen oder Luftlinienentfernungen als Maßstab nimmt. Für ein relativ flaches Land, dessen höchste Erhebungen keine 200 m erreichen und bei dem auch nicht übermäßig dichte Besiedlung den Bau von Bahnstrecken erschwert, ist das kein sehr guter Wert, zumal er auch für die Nord-Süd-Verbindung von Flensburg nach Fredrikshavn gilt, wo man nicht Fähren als halbwegs verständlichen Grund für die langen Fahrzeiten findet.

Die Strecken sind kurvig, also viel länger als die Straßen und auch wegen der Kurvenradien oft langsam. Wichtige Strecken sind nicht elektrifiziert, genaugenommen ist dies außer dem Kopenhagener Umland nur die Transitstrecke von Malmö über Kopenhagen, Odense und Kolding nach Flensburg und kurze Stichstrecken nach Sonderburg und Fredericia. Selbst auf den wenigen elektrifizierten Fernstrecken, wird viel mit Dieselzügen gefahren. Auf längeren Strecken muss man meistens oft umsteigen, was sich aber je nach augenblicklichem Fahrplan immer wieder etwas anders zeigt. Die Anschlüsse sind meistens nicht gut, man hat also eine halbe Stunde Wartezeit und wenn sie gut sind, warten Anschlüsse nicht einmal 2 Minuten auf verspätete Züge.

Besonders interessant wird es, wenn man Fahrräder mitnehmen will. Die Plätze dafür muss man reservieren. Hier ein paar Erfahrungen damit:

  • Man musste bei der DSB-Hotline anrufen.
  • Bei der Hotline hört man erst einmal für eine halbe Stunde Musik zum Auslandstarif. Heute nicht mehr teuer, aber doch schade um die Zeit.
  • Die Hotliner haben die Fahrkarten generiert und wollten sie an einem DSB-Bahnhof hinterlegen, wo man sie mindestens einen Tag vor der Fahrt abholen sollte. Sehr praxistauglich.
  • Letztlich ging es dann doch, die Fahrkarten am selben Tag abzuholen und beim Verlassen des von Deutschland aus reservierbaren Nachtzugs gab es genügend Aufenthalt, der nicht durch Verspätung aufgefressen worden war. Allerdings waren die Fahrkarten dort nicht bekannt.
  • An Schalter 1 schickte man mich zu Schalter 3, an Schalter 3 zu Schalter 2 und an Schalter 2 wieder zu Schalter 1. Das ist kein Witz, es war tatsächlich so und mehr als drei Schalter gab es dort nicht.
  • Wenn man mit einer Gruppe von sechs Personen reist, muss man sich auf mehrere Züge aufteilen, weil die zwar genug Platz für sechs Fahrräder haben, aber es war halt verboten, so viele Fahrräder im selben Zug mitzunehmen.
  • Tandems mitzunehmen ist bei DSB sowieso verboten. Manchmal geht es trotzdem, aber es ist Glücksache.
  • Ich wurde bei der Hotline einmal nach einer Telefonnummer für Rückrufe gefragt, leider musste es eine dänische Telefonnummer sein.
  • Um mit Tageszügen nach Kopenhagen zu fahren, muss man wegen der Fahrradmitnahme den 160 km lange Umwege über Flensburg machen.
  • Die Verbindung gab es nur alle 2 Stunden, also führten 25 min Verspätung eines Nachtzugs schon zu 2 Stunden Verspätung. Der Zug zwei Stunden später hatte noch Platz, aber die Kondukteurin zog ihre ursprüngliche Zusage, die Fahrräder mitzunehmen zurück. So wurden es vier Stunden Verspätung und nur weil die Mitarbeiterin der deutschen Bahn in Flensburg dänisch konnte und für uns die Verhandlungen geführt hat. In Kopenhagen hatte der Zug 3 min Verspätung und der Anschlusszug mit 5 min Umsteigezeit fuhr uns vor der Nase weg. Der nächste Zug fuhr eine Stunde später, war aber langsamer als der vorige und endete schon in Alvesta statt in Kalmar. Das war für diese Fahrt weit genug, aber es waren am Ende 5 1/2 Stunden Verspätung oder etwa 12 Stunden von Hamburg nach Malmö, Luftlinie 300 km voneinander entfernt. Dabei ist der deutsche Streckenanteil bis Puttgarden oder Flensburg noch einigermaßen schnell.
  • In der Zeit hätte man es mit dem Fahrrad schaffen können, aber Transitverkehr mit dem Fahrrad ist in Dänemark durch ein paar kurze, unumfahrbare Fahrradverbote verboten.
  • Schön sind auch die Fahrten, wo die Klimaanlage ausfällt und wo in den Waschräumen kein Wasser kommt, so dass man seinen eigenen Wasservorrat noch zum Händewaschen aufbrauchen muss. Ein Fläschchen Wasser pro Fahrgast gab es aber von der DSB.
  • Wegen Bauarbeiten gab es relativ oft Schienenersatzverkehr, wobei natürlich keinerlei Anschlüsse mehr erreicht wurden.
  • Anscheinend darf der Schrott auf Rädern bei der DSB durchaus noch fahren, aber um im Netz der deutschen Bahn zu verkehren, müssen die Züge besser in Schuss sein. So wird anscheinend relativ oft kurz vor der Grenze ein Umsteigen auf den intakten Gegenzug notwendig.

Nun ist auch der Kontrast interessant, da man in Dänemark ein Luxus-Autobahnnetz gebaut hat, das jedem kleinen Dorf einen Autobahnanschluss in wenigen Dutzend Kilometern Entfernung bietet und dieses wird noch fleißig erweitert, während die Bahnstrecken kurvige Schleichpisten aus dem Billig-Programm des 19. Jahrhunderts sind und die Nationalstraßen, die kein Fahrradverbot haben, in so schlechtem Zustand sind, dass sie jeden Hügel und jedes Tal ohne den kleinsten Einschnitt oder Damm überqueren. Will man den Transit- und Fernverkehr vollständig von den umweltfreundlichen Verkehrsmitteln Bahn und Fahrrad wegbringen und auf Autos und Flugzeuge verlagern? Oder ist einfach das Knowhow für den Betrieb eines modernen Fernbahnsystems im Land nicht vorhanden und man ist zu stolz, es sich aus Ländern zu holen, wo es vorhanden ist?

Zusammenfassend kann man sagen:
Dänemark hat kein Bahnnetz sondern nur ein grobmachiges Tramnetz. DSB bedeutet also nicht „Dänische Staats-Bahnen“ oder „Danske Statsbaner“ sondern „Dampf-Straßen-Bahn“. Es gibt Geschwindigkeiten wie in der frühen Dampflokära oder wie bei Straßenbahnen, aber natürlich nicht die von Straßenbahnen gewohnten dichten Taktfolgen. Übrigens wird mir von anderen Bahnreisenden auch bestätigt, dass dies ein trauriges Kapitel ist. Vielleicht ein Stück Amerika mitten in Europa.

Leider ist es nicht einfach, dieses Land auf dem Weg nach Schweden und Norwegen zu vermeiden, aber ich werde sicher in Zukunft nach solchen Möglichkeiten Ausschau halten.

Aber es scheint sich doch langfristig ein bisschen Bewegung in eine gute Richtung abzuzeichnen.

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2 Gedanken zu „Bahnfahren in Dänemark

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