Breitspurbahnen in Mitteleuropa I (Spurweiten)

Bei der Bahn gibt es verschiedene Spurweiten, das ist der Abstand zwischen den Schieneninnenkanten, gemessen etwa 14 mm unterhalb der Oberkante. Die sogenannte Normalspur ist 1435 mm und ist insbesondere in Europa (außer Portugal, Russland, Ukraine, Weißrussland, Baltikum, Finnland und Moldawien), Nordamerika, Japan und China üblich und verbreitet. In den meisten Ländern existieren einzelne Schmalspurstrecken, z.B. mit 1000 mm Spurweite. In Spanien und in der Schweiz haben diese Schmalspurnetze erheblichen Umfang. In Spanien und Japan sind nur die Hochgeschwindigkeitsstrecken in Normalspur gebaut, während die im 19. Jahrhundert gebauten ursprünglichen Streckennetze in Spanien 1668 mm Breitspur haben und in Japan 1067 mm Schmalspur, die sogenannte Kapspur, die auch in Südafrika üblich ist. Die andere Spurweite, in der das Streckennetz eine große Fläche bedeckt ist 1520 mm bzw. 1524 mm, die mit demselben Rollmaterial genutzt werden. Dies ist in Russland, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, der Ukraine, Weißrussland und den ehemals zur Sowjetunion gehörenden transkaukasischen und zentralasiatischen Staaten sowie auf einzelnen Strecken, die aus diesen Ländern nach Süden oder Westen herausführen üblich. Andere verbreitete Breitspuren sind 1600 mm (Irland, Australien, Lateinamerika) und die indische Breitspur von 1676 mm in Südasien.

Warum sind diese Spurweiten so wichtig? Wichtig ist vor allem, dass man große, zusammenhängende Netze hat. Dauernd wegen wechselnder Spurweiten umsteigen zu müssen oder Güter umladen zu müssen, schwächt die Konkurrenzfähigkeit der Bahn. Auch Rollmaterial, bei dem die Drehgestelle gewechselt oder umgestellt werden, verursacht Aufwand und Verzögerungen bei Reise und Transport. Um brauchbaren Bahnverkehr durchzuführen, braucht man gewisse eine Fahrzeuggröße, z.B. sollten übliche Container Platz finden und aus Effizienzgründen mit einer Zugfahrt viele Personen oder auch viel Fracht im Güterverkehr transportiert werden, was aber bereits mit 1000 mm oder 1067 mm Schmalspur machbar ist. Ein Nachteil der Schmalspur ist, dass man mit heute üblichen Zugmaßen auf Schmalspurstrecken nur auf Höchstgeschwindigkeiten von etwa 130 km/h kommt, möglicherweise sind 150 km/h erreichbar, aber darüber wird es schwieriger. Ich vermute, dass mit schmaleren Zügen als dem auf heutigen Schmalspurstrecken üblichen Rollmaterial auch höhere Geschwindigkeiten erreichbar wären, aber das würde erhebliche Investitionen in die Bahnhöfe bedingen und hätte Nachteile bezüglich der Effizienz. Mit Normalspur (1435 mm) und selbstverständlich erst recht mit Breitspur wie 1520 mm oder 1676 mm kann man rein lauftechnisch Geschwindigkeiten von 1000 km/h erreichen. Sinnvoll ist das nicht, weil Verschleiß und Energieverbrauch dann sehr stark ansteigen. Aber heute übliche Geschwindigkeiten von 200 km/h bis etwa 350 km/h sind problemlos und die Wahl der Spurweite sollte sich also nach den Möglichkeiten der Integration in ein umgebendes Netz richten. Meist ist die Wahl einfach, aber in Japan musste man eine vom Landesstandard abweichende Spurweite für den Shinkansen wählen und entschied sich für Normalspur. Vielleicht wäre die russische Breitspur langfristig gesehen die etwas bessere Wahl gewesen, weil es eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt, dass über Hokkaido und Sachalin einmal eine Bahnverbindung nach Russland und damit zum asiatischen Festland entstehen könnte. Entsprechende Ideen zu einer Tunnelverbindung nach Korea erscheinen mir wegen der erforderlichen Tunnellänge von über 100 km aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich. Die Spurweite von 1435 mm wurde wohl in der Hoffnung gewählt, diese Technologie später im Ausland vermarkten zu können, was aber nur bedingt gelungen ist, da im 20. Jahrhundert Bahnen überwiegend staatlich waren und Hochgeschwindigkeitszüge und -technologie nach Möglichkeit in Zusammenarbeit mit einheimischen Herstellern entwickelt wurden. Heute, wo solche Projekte häufig zumindest formell international ausgeschrieben werden, ist die Konkurrenz unter anderem durch chinesische, spanische, deutsche, französische, italienische und russische Anbieter groß und man sieht in Finnland und Russland und wahrscheinlich bald in Indien, dass sich die Technologie auch an andere Spurweiten anpassen lässt. Aber Japan ist und bleibt mit seinen frühen und gut weiterentwickelten Hochgeschwindigkeitszügen und -strecken auch in Zukunft ein wichtiges Bahnland. In Spanien fiel die Wahl auf die Normalspur, um eine spätere Integration mit dem europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz zu erleichtern, die inzwischen auch erfolgt ist.

Da dies ein längeres Thema ist, wird es hier im nächsten Artikel, fortgesetzt: Breitspurbahnen in Mitteleuropa II (Sinn und Projekte)

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2 Gedanken zu „Breitspurbahnen in Mitteleuropa I (Spurweiten)

  1. Pingback: Breitspurbahnen in Mitteleuropa II (Sinn und Projekte) | Karl Brodowskys Blog

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