Lokale Rekorde

Es ist witzig, wie sich irgendwelche lokalen „Rekorde“ ins Bewusstsein einschleichen. Ich kann mich erinnern, dass in Schleswig-Holstein einmal bekannt war, dass die Rolltreppen zum Fußgänger- und Radfahrertunnel mit einem Höhenunterschied von 28 Metern die längsten in Europa oder sogar in der Welt seien. Zweifel kamen auf, weil zum Beispiel ein Maastunnel in Rotterdam oder ein Scheldetunnel in Antwerpen gefühlt viel längere Rolltreppen hatte, aber das kann täuschen. Schaut man sich genauer um, so findet man aber, dass diese Aussage mit der längsten Rolltreppe Europas einfach absurd falsch ist.

In vielen Orten der ehemaligen Sowjetunion war es üblich, Metrolinien oder zumindest einzelne Stationen sehr tief unter der Erde zu bauen. Offensichtlich hat man diese Technologie beherrscht. Und weder Baukosten noch der höhere Aufwand für die Benutzung haben davor abgeschreckt, gelegentlich so zu bauen. Ob der Grund in instabilen oberflächennahen Schichten lag, wie man im Fall von Sankt Petersburg gelegentlich hört, in der Verwendbarkeit als Schutzraum, wie man z.B. im Fall von Moskau hört, will ich nicht beurteilen. In Moskau soll es gemäß Gerüchten noch ein zweites kleineres Metro-System geben, das noch weit unterhalb der öffentlichen Metro liegt und mit dem die Evakuierung der damaligen sowjetischen Führungselite im Notfall ermöglicht worden wäre.

In Kiew ist das Gelände, auf dem die Stadt steht, so bergig, dass eine Metro diese Höhenunterschiede nicht auf den kurzen Distanzen bewältigen kann. Das ist das einzige Argument, das wirklich zweifelsfrei zutrifft, während es in den anderen Fällen stimmen mag oder nicht. Die zur Zeit tiefste Metrostation der Welt ist Арсенальна (Arsenalna) in Kiew liegt 160 Meter unter der Erdoberfläche. Man erreicht sie mit zwei Rolltreppen, von denen die längere mindestens 80 Höhenmeter Unterschied bewältigen muss. Andere Metro-Stationen in Kiew, wie z.B. Золоті ворота (Soloti Worota / Goldenes Tor) liegen auch etwa 100 Meter unter dem Boden, so dass die längere der beiden Rolltreppen mindestens 50 Meter lang sein muss. Es gibt auch ebenerdige Stationen oder solche, die nahe der Oberfläche liegen, was einfach von der Topographie abhängt. Rolltreppen in Metrostationen in Kiew und Sankt Petersburg laufen etwa doppelt so schnell wie man es in westlichen Teilen Europas gewohnt ist. Trotzdem hat man bei den tiefsten Stationen mal um die 5 Minuten allein für die Rolltreppen.

Man sieht also ganz klar, dass diese schönen lokalpatriotischen Rekorde schlicht und einfach erfunden wurden oder von Leuten in Umlauf gesetzt wurden, die nicht ernsthaft recherchiert hatten. Aber jeder hat es geglaubt, es wurde in Schulen unterrichtet u.s.w. Es gibt viele derartige Beispiele. Der „größte Wasserfall in Europa“ befindet sich gemäß vielen Schweizern in Neuhausen. Weniger gebildete Ausländer meinen, dass er in Schaffhausen sei, das direkt daneben liegt. Da Island zu Europa gehört und es dort wesentlich größere Wasserfälle gibt, sollte man darüber noch einmal nachdenken. Der Rheinfall ist ein bekannter Wasserfall, er ist schön und er ist mitten in einem dicht besiedelten Gebiet für viele Menschen leichter zu erreichen als der Dettifoss.

Manchmal gibt es einfach mehrere Methoden zur Ermittlung des Rekords. So kann man mehrere Jahrhundert-Rekordsommer in dichter Folge haben, weil auf verschiedene Arten gemessen wird und für jede Metrik ein anderer Sommer der wärmste ist. Das ändert natürlich nichts daran, dass es eine Klimaerwärmung gibt, die man erkennen kann, wenn man über viele Jahre mit derselben Metrik misst.

Ein anderes interessantes Beispiel war eine Übungsaufgabe, die in einem Institut in einer guten deutschen Universität jedes Jahr gestellt wurde. Die Studenten sollten die Höhe des Institutsgebäudes messen. Man schrieb einfach von älteren Studenten ab und die Assistenten benutzten auch die Musterlösung von vor Jahren zur Korrektur. Dann kam ein neuer Assistent und machte sich die Mühe, alles nachzumessen.

So bekamen nun alle Studenten ohne Ausnahme 0 Punkte statt der vollen Punktzahl, wie sonst immer. Denn die Höhe stimmte nicht. Das war nun natürlich interessant, dass alle jahrelang mit falschen Werten arbeiteten. Die Frage war also, woher das „Gerücht“ kam. Tatsächlich hat jener Assistent das interessant gefunden und recherchiert. So war der herumkopierte Messwert viele Jahre früher völlig korrekt ermittelt worden. Aber man hat dann das Gebäude noch um ein Stockwerk erhöht. Ab da stimmten die Werte nicht mehr, aber es hat niemand daran gedacht oder es hat sogar niemand gemerkt.

Auch in Zeiten von Onkel Donald ist das Konzept der Wahrheit nicht abgeschafft. Aber früher wie heute ist es gut, wenn man selber denkt, gelegentlich Dinge hinterfragt und nicht einfach blind alles glaubt, was einem vorgesetzt wird.

Übrigens ist die Батьківщина-Мати (Mutter der Heimat) in Kiew wesentlich größer als die Statue of Liberty (Freiheitsstatue) in New York. Wer hätte das gedacht?

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Stromschiene oder Oberleitung

Die meisten Bahnstrecken sind mit Oberleitungen elektrifiziert.

Es gibt aber ein zweites System, bei dem meist eine seitliche Stromschiene stattdessen verwendet wird. Im Falle der Londoner Metro (Underground und Overground) gibt es zusätzlich noch eine zweite Stromschiene in der Mitte des Gleises. Solche Systeme werden oft bei Metro-Systemen eingesetzt, die meistens betrieblich vollkommen vom übrigen Bahnverkehr verlaufen und die in der Regel auch auf eigenem Bahnkörper ohne Querungen von Straßen mittels Bahnübergängen gebaut worden sind, ziemlich oft in Tunneln.

Bei S-Bahnen oder S-Bahn-ähnlichen Bahnsystemen gibt es diese Stromschienenlösung auch gelegentlich. Im deutschen Sprachraum ist das konkret in Hamburg und Berlin der Fall. Der Vorteil und gleichzeitig Nachteil ist, dass man die Gleise schlecht von anderen Zügen nutzen kann. Ein Vorteil ist es, weil man dann eher dazu neigt, für die S-Bahn komplett separate Gleise zu bauen, was die Störungsanfälligkeit des Systems verringert und dichte Taktfolgen ohne Einschränkung des normalen sonstigen Bahnverkehrs ermöglicht. Das hat man in Berlin und Hamburg so gemacht. In Frankfurt hatte man jahrzehntelang auf wichtigen Strecken Mischbetrieb von S-Bahn und Fernverkehr mit vielen Verspätungen für beide Verkehrsträger. Es ist aber auch ein Nachteil, weil man dort, wo es tatsächlich vorteilhaft wäre, die Gleise gemeinsam für S-Bahn und anderen Bahnverkehr zu nutzen, Schwierigkeiten bekommt. Es gibt die Möglichkeit, neben der S-Bahn nur mit Dieselzügen dort zu fahren oder ein Gleis doppelt zu elektrifizieren, mit Oberleitung und Stromschiene. Oder man kann auch Züge zu bauen, die wahlweise mit Oberleitung und Stromschiene fahren können, wie dies in Hamburg geschehen ist, um S-Bahnlinien auf wenig befahrenen Strecken ins weitere Umland zu verlängern.

Außerhalb von Deutschland sind mir in London und New York größere Netze bekannt, die mit Stromschiene elektrifiziert sind, wobei dort zum Teil sogar Fernzüge beide Stromversorgungssysteme unterstützen müssen, weil die S-Bahn-Gleise, die nur mit Stromschiene elektrifiziert sind, auch vom Fernverkehr genutzt werden.

Was sind Vorteile der beiden Systeme? Stromschienen sind etwas kostengünstiger als Oberleitungen und man kann etwas kleinere Tunnelquerschnitte befahren. Optisch sind sie weniger sichtbar als Oberleitungen. Oberleitungen erlauben höhere Geschwindigkeiten und bieten mehr Sicherheit gegen versehentliche Berührung bei Bahnübergängen oder auch bei sich illegal im Gleisbereich aufhaltenden Personen.

Konkret stellt sich die Frage gerade bei der Bahnstrecke der AKN von Hamburg-Eidelstedt nach Kaltenkirchen. Diese soll elektrifiziert werden und von einer S-Bahn-Linie befahren werden. Es würde sich in vielerlei Hinsicht die Stromschienenlösung anbieten. Der Grund, trotzdem auf Oberleitung zu setzen, ist wohl das Problem mit den Bahnübergängen. Es gibt zwar Bahnübergänge an S-Bahn-Strecken mit Stromschiene, bei denen auch keine größeren Probleme bekannt sind. Und es ist sowieso sinnvoll Bahnübergänge durch Brücken zu ersetzen. Aber es ist zwar erlaubt, vorhandene Strecken mit Stromschiene und Bahnübergängen zu betreiben, aber bei Neubauten und Neuelektrifizierungen ist das nicht mehr erlaubt. Und die Beseitigung der Bahnübergänge auf dieser Strecke wird noch lange dauern. So wird man wohl mit Oberleitung elektrifizieren, teure Zweisystem-S-Bahnen einsetzen, die es in Hamburg schon gibt, und gewinnt immerhin langfristig die Möglichkeit, dort auch Regionalzüge elektrisch fahren zu lassen, wenn die Verbindung einmal bis Neumünster elektrifiziert worden ist. Trotzdem ist es bedauerlich, dass die Bürokratie hier so eine umständliche Lösung erzwingt. Stattdessen sollte man für eine Übergangszeit neue Bahnübergänge mit Stromschiene als Ausnahme genehmigen und die Bahnübergänge dann natürlich alle mittelfristig beseitigen.

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Standardgeschwindigkeit auf Bahnstrecken

In Deutschland gilt seit vielen Jahren, dass Hauptstrecken eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h haben.  Das war eine vernünftige Wahl, weil man den Ausbau für diese Geschwindigkeit mit relativ moderatem Aufwand erreichen konnte, weil das normale Signalsystem nur bis zu dieser Geschwindigkeit funktionierte und weil normale Reisezugwagen und Loks auch nur bis etwa 140, 150 oder 160 km/h fahren konnten oder durften.  Außerdem sind bei Strecken, die für mehr als 160 km/h zugelassen sind, keine Bahnübergänge mehr erlaubt.  Die Regelung ist nur begrenzt sinnvoll, aber sie wird durchgezogen.  Schaut man sich an, was beim Ausbau für 200 km/h wirklich nötig ist, dann stellt sich heraus, dass oft die Beseitigung der Bahnübergänge das teuerste ist.  Nun ist es sicher nicht verkehrt, an wichtigen Bahnstrecken die Bahnübergänge langfristig komplett zu beseitigen. Bahnübergänge sind doch Orte, wo es Unfälle oder einfach nur Störungen geben kann.  Und sie stellen auch ein Hindernis für den Straßenverkehr dar, auch für Radfahrer.  Aber doch wäre es besser, man würde das Tempo schon auf 200 erhöhen, während es noch Bahnübergänge gibt, an deren mittelfristiger Beseitigung man allerdings tatsächlich arbeiten sollte.  Oder wenn zuerst die gefährlichsten Bahnübergänge beseitigen würde, nicht diejenigen, wo 200 gefahren werden soll.  An Hauptstrecken alle Bahnübergänge zu beseitigen ist aber in der Tat ein sinnvolles Ziel.

Heute relativieren sich aber viele der Gründe, die Standardhöchstgeschwindigkeit für Hauptstrecken auf 160 km/h festzulegen.  Die Beseitigung der Bahnübergänge ist sowieso sinnvoll.  Man kommt doch langsam dazu, ETCS einzuführen und sollte das auch forcieren. Damit ist die Grenze vom Signalsystem hinfällig.  Rollmaterial ist heute oft für 200 km/h geeignet bzw. es ist leicht, solches zu beschaffen.  Ich denke, dass es Zeit ist, dazu überzugehen, 200 km/h als die „normale“ Höchstgeschwindigkeit für Hauptstrecken zu betrachten.  Schon heute sind auf einzelnen Abschnitten niedrigere Geschwindigkeitsbeschränkungen definiert und so könnte man auch 160 km/h explizit festlegen, bis die Strecke entsprechend modernisiert ist, also vor allem, bis man sowieso alle Bahnübergänge beseitigt hat und dann noch bei regulären Wartungsarbeiten Oberleitung und Gleise für 200 km/h angepasst hat, soweit das ohne größere Umtrassierung möglich ist.  Auf kurvigen Strecken bleibt dann natürlich 160 km/h oder wahrscheinlich ein niedrigerer Wert.

In Nordschweden hat man eine Neubaustrecke gebaut, die im Moment nur von Güterzügen benutzt wird, die aber für 250 km/h ausgebaut ist.  Man wird sie mit schnellen Reisezügen befahren, sobald die Nordbotniabanan von Umeå nach Luleå gebaut ist.

Es wäre eine gute Idee, diesen Ausbau auf 200 km/h dort, wo er mit moderatem Aufwand möglich ist, im Rahmen der sowieso fälligen Wartungsarbeiten und der sowieso sinnvollen Beseitigung der Bahnübergänge und Umstellung auf ETCS umzusetzen.  Bei Neubaustrecken gilt das erst recht.  Die teure Begradigung oder der Neubau von Strecken in dicht besiedelten Gebieten oder in MIttelgebirgsregionen sollte natürlich den besonders wichtigen Strecken vorbehalten bleiben.

 

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Neue Diskussion über Bahnstrecke von Finnland nach Kirkenes

English

Es hat wieder etwas Bewegung in der Frage einer Bahnstrecke von Finnland nach Kirkenes gegeben.

So eine Bahnstrecke würde von Rovaniemi oder Kemijärvi nach Ivalo und von dort östlich oder westlich am Inarisee vorbei nach Kirkenes führen.

Kirkenes hat schon einen gut funktionierenden Hafen, der wegen des Golfstroms normalerweise eisfrei bleibt. Der Hafen ist Endstation der Hurtigroute und liegt an der Grenze zu Russland. Er ist zur Zeit nur auf der Straße oder über die 8 km lange Bahnstrecke zu einer Erzmine erreichbar und dient zu einem großen Teil dem Export von Erz. Es gibt aber die Möglichkeit, diesen Hafen zu erweitern. Einerseits ist das für Finnland eine Möglichkeit, besser per Schiff an die Weltmärkte angebunden zu werden, insbesondere für den Transatlantikverkehr. Diese Rolle wird wegen der Klimaerwärmung noch an Bedeutung gewinnen, weil man verstärkt die Nordostpassage nördlich von Sibirien als Route nach Ostasien nutzen kann. Dies ist kürzer und damit billiger als über den Suezkanal, wenn auch der Effekt durch die Klimaerwärmung noch nicht so stark ist, dass es zur Hauptroute geworden wäre. Andererseits könnte Kirkenes auch als Hafen für Teile von Russland und Mitteleuropa genutzt werden, wenn man grenzüberschreitende Bahnstrecken von Russland nach Finnland nutzt. Finnland und Russland benutzten beide eine Breitspur, die sich nur um wenige Millimeter unterscheidet und grenzüberschreitenden Verkehr ohne Umspuren ermöglicht.

Die kurze Bahnstrecke bei Kirkenes würde man wahrscheinlich auf Breitspur umbauen oder parallel dazu neu bauen. Insgesamt wären etwa 550 km Strecke zu bauen. Der Straßenverkehr könnte übrigens eventuell von einer neuen Straße zwischen dem Inarisee und der Russischen Grenze profitieren, die Kirkenes auch direkter mit Finnland verbindet, wenn diese Route für die Bahn gewählt würde. Davon ist nicht die Rede, aber es ist zu vermuten, dass man das Projekt dann auch umsetzen würde.

Wie es aussieht, ist die etwas kürzere Verbindung nach Skibotn, die früher auch mal im Gespräch war, nicht mehr relevant. Allerdings müsste man in Skibotn einen Hafen komplett neu bauen oder die Strecke doch bis Tromsø verlängern, was dann nicht mehr kürzer wäre.

Im Moment geht es konkret um eine Machbarkeitsstudie für diese Bahnverbindung. Entschieden wird erst etwa 2019. Das inspiriert natürlich entsprechende Diskussionen wie auch diesen Beitrag. Wir werden sehen, was daraus wird. Es ist ein Bahnprojekt, dass vor allem für den Güterverkehr nützlich ist. Die beteiligten Länder würden profitieren und es würde Verkehr mit der Bahn durchgeführt, der auch mit weniger umweltfreundlichen Verkehrsmittel abgewickelt werden könnte. Ich sehe das Projekt deshalb auf jeden Fall positiv.

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Achillesfersen im Bahnnetz

In der Informatik ist es üblich, Infrastruktur großzügig redundant auszulegen, man kauft also für einen wichtigen Service zwei identische Server und lässt die parallel laufen, wobei einer alleine die ganze Last bewältigen könnte, oft will man das sogar ohne nennenswerte  Einbußen beim Durchsatz und den Antwortzeiten. Bei größeren Systemen gibt es sogar ganze Serverfarmen und der Ausfall von einzelnen Servern ist eine selbstverständliche Routine. Wann sind Google, Twitter, Facebook, vk.com, Wikipedia, Instagram, WhatsApp, Netflix o.ä. das letzte Mal „offline“ gewesen?

Bei Verkehrswegen sind die Baukosten, der Platzbedarf und auch die Zeiträume für den Bau so groß, dass man sich dieses Maß an Redundanz nur selten leisten kann.  Man nimmt in Kauf, dass bei einer Störung oder auch bei geplanten Bauarbeiten einige Züge Verspätung haben oder sogar ausfallen.  Das sollte aber nicht zu leicht passieren und es sollte sich auch in Grenzen halten.  Dass wie in Rastatt eine der wichtigsten Strecken in Mitteleuropa für mehr als einen Monat komplett gesperrt wird, ist sicher nicht im Rahmen, insbesondere weil es bei weitem nicht genug Umleitungsmöglichkeiten gegeben hat. Gerade an diesem Tag ist ein Störfall im Bahnhof Basel SBB vorgefallen, der die Kapazität der Strecke von Karlsruhe nach Basel wiederum stark reduziert und in Basel zu einem zeitraubenden Bahnhofswechsel mit Tram oder S-Bahn zwingt.

Achillesfersen im Bahnnetz sind z.B. in Deutschland prinzipiell alle wichtigeren Bahnhöfe, also Leipzig, Frankfurt, München, Hamburg, Köln, Essen, Düsseldorf, Dortmund, Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart, Nürnberg, Berlin, Münster, Bremen, Hannover.. Das ist in der Schweiz nicht anders, da wären es z.B. Zürich, Olten, Winterthur, Lausanne, Bern, Basel, Luzern und Genf… Allerdings wird für einen längeren Totalausfall eines größeren Bahnhofs auch ein größeres Ereignis benötigt als jetzt in Rastatt.  Für den Güterverkehr sind diese Bahnhöfe meist weniger relevant, weil sie sich in den meisten Fällen umfahren lassen.  Normalerweise sind solche Störereignisse örtlich begrenzt und betreffen vielleicht ein bis vier nebeneinanderliegende Gleise.  Stellwerksstörungen können dagegen heute schon schlimmstenfalls riesige Gebiete betreffen, weil Stellwerke zentralisiert werden oder schon sind.  Stellwerke sind aber Informatiksysteme und man investiert dort sehr viel in hohe Zuverlässigkeit.  Die ganz große Stellwerksstörung, die ein ganzes Land oder eine große Region komplett lahmlegt hat es seit der Anwendung dieser Technologie meines Wissens noch nicht gegeben.

Schaut man sich aber das Streckennetz an, so findet man bei vielen wichtigen Verbindungen mehrere parallel oder fast parallel verlaufende Strecken.  Von Rastatt nach Norden ist das bis zur östlichen Ecke des Ruhrgebiets in Hamm oder bis Münster der Fall.  Auch vom Ruhrgebiet nach Bremen und Hamburg gibt es brauchbare, weitgehend mehrgleisige, elektrifizierte inländische Alternativrouten.  Eine Achillesferse sind sicher die Elbbrücken in Hamburg, die allerdings acht Gleise haben, womit ein gleichzeitiger Ausfall aller Gleise nicht mehr so wahrscheinlich ist.  Von Hamburg nach Hannover und Frankfurt oder auch nach Berlin gibt es auch mehrere brauchbare Strecken.  Ebenso von Hannover nach Nürnberg und München oder von Berlin nach Frankfurt, Nürnberg und München.  Auch vom Ruhrgebiet nach Stuttgart, München, Frankfurt und Nürnberg gibt es mehrere brauchbare Strecken. Von Leipzig nach Berlin sind mehrere leistungsfähige Strecken vorhanden, ebenso von Leipzig nach Frankfurt und ins Ruhrgebiet und nach München und Nürnberg.  Ebenso lässt sich die Strecke vom Ruhrgebiet nach Hannover über Paderborn – Altenbeken – Hameln umfahren.

Die ganze Strecke von Stuttgart nach München hat als Alternativroute die Strecke über Aalen und Donauwörth, die in den 70er-Jahren für diesen Zweck elektrifiziert wurde. Von Karlsruhe nach Basel gibt es auf der anderen Rheinseite eine durchgängige Strecke, die einmal komplett von Ludwigshafen bis Basel zweigleisig war.  Heute ist zwischen Wörth und Lauterburg ein Stück nur eingleisig, die Strecke ist zwischen Wörth und Straßburg nicht elektrifiziert und es gibt immer noch zu große technische Hürden an der Grenze (siehe Grenzüberschreitende Bahnverbindungen, Rastatt (wieder offen) und 40-Tonner in diesem Blog). Die Empfehlung ist hier, die Strecke durchgängig zweigleisig auszubauen und zu elektrifizieren. Sie hätte sicher einiges Potential für den Regionalverkehr, wenn auch wohl der Fernverkehr die rechtsrheinische Route über Karlsruhe und Kehl nach Straßburg bevorzugen wird.

In der Schweiz sind auch trotz eines dichten und vollständig elektrifizierten Bahnnetzes einige wichtige Routen nur eingeschränkt umfahrbar, z.B. die Strecke von Zürich bis Winterthur und von Zürich bis Baden.  Zum Teil fehlen nur Verbindungskurven, wie z.B. bei Rotkreuz, Zofingen oder Kerzers, um prinzipiell vorhandene, eingleisige Strecken besser für Umleitungen ohne Richtungswechsel nutzen zu können, auch wenn die Kapazität nur für einen reduzierten Betrieb reichen würde.

Wo gibt es noch Achillesfersen im deutschen oder im mitteleuropäischen Bahnnetz?

Wenn man sich die Situation anschaut, sieht man, dass das Bahnnetz überwiegend auf den allerwichtigsten Verbindungen dicht genug ist, um bei Störfällen Alternativrouten zu bieten. Rastatt war also abgesehen vom denkbaren Ausfall eines großen Bahnhofs oder eines großen Rangierbahnhofs für den Güterverkehr einer der ungünstigsten Punkte im Netz.  Es ist aber auch wiederum nicht nötig, überall zweite Strecken zu bauen, weil entsprechende Umleitungsrouten meistens existieren und auch elektrifiziert worden sind.  Man sollte aber doch das Gesamtsystem auf seine Zuverlässigkeit bei Betriebsstörungen analysieren.  Mindestens lohnt es sich, einzelne Verbindungskurven zu bauen, um die Alternativrouten ohne Richtungswechsel zu befahren, wo das möglich und nötig ist. In einigen Fällen kann man Alternativrouten elektrifizieren oder einzelne kürzere Abschnitte zweigleisig ausbauen.

Sinnvoll wäre sicher ein durchgehend zweigleisiger Ausbau mit Elektrifizierung zwischen Wörth bei Karlsruhe und Straßburg und die Elektrifizierung, eventuell mit zweigleisigem Ausbau kombiniert, zwischen Lüneburg und Lübeck, was eine auch im Normalbetrieb nützliche Umfahrungsmöglichkeit für Hamburg schaffen würde.  Ebenso ist die Elektrifizierung und der Ausbau der Bahnstrecke von Lübeck nach Bad-Kleinen, der als „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ versprochen worden war, nun schon seit über 25 Jahren verschleppt worden.  Dies sollte eine Verbindungskurve einschließen, um von Lübeck an Bad Kleinen vorbei nach Schwerin fahren zu können. Eine sinnvolle Bahnverbindung von Berlin nach Kopenhagen mit dem Bahntunnel unter dem Fehmarnbelt ist nur denkbar, wenn man den Umweg über Hamburg vermeidet und von Berlin entweder über Schwerin oder über Büchen direkt nach Lübeck fährt.  Eventuell wäre die Fähre von Warnemünde nach Gedser sogar noch schneller als der Umweg, wenn man hier nicht die Möglichkeit der Bahnverladung abgebaut hätte und ein wenig in die Strecken investiert hätte.  Von Mannheim und Karlsruhe kann man auch nördlich an Stuttgart vorbei über Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Crailsheim und Ansbach nach Nürnberg und München fahren, sogar ohne Fahrtrichtungswechsel. Die Strecke ist von Schwäbisch-Hall bis Ansbach und von Karlsruhe und Stuttgart bis etwa zur Mitte zwischen Heilbronn und Schwäbisch-Hall schon elektrifiziert, im westlichen Abschnitt, um dort mit Zweisystem-Straßenbahnen zu fahren.  Sie ist östlich von Heilbronn zweigleisig.  Man könnte also mit einer relativ kurzen Elektrifizierung auch hier eine Umleitungsstrecke schaffen und nebenbei beim Regionalverkehr auf der Strecke den ganzen Betrieb auf Elektrotriebwagen umstellen.

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Grenzüberschreitende Bahnverbindungen

Bei grenzüberschreitenden Bahnverbindungen erlebt man in der Regel, dass man an der Grenze umsteigen muss. Oft zweimal, einmal kurz vor der Grenze und dann nochmal kurz nach der Grenze. Jedes Land macht seinen Bahnverkehr nur innerhalb des eigenen Landes und es gibt als Bonus solche Nahverkehrszüge mit kurzem Laufweg, die einen über die Grenze von einem System in das andere bringen. Durchgängige Züge gibt es oft im Fernverkehr mit ICE, EC, TGV o.ä., die tatsächlich längere internationale Fernverbindungen bedienen, zumindest einige Male am Tag. Aber sobald man mit Eilzügen, Regionalexpress, Schnellzügen oder auch ICs und IRs unterwegs ist, geht es meistens nur bis kurz vor die Grenze oder wenn man Glück hat, bis zum ersten Bahnhof nach der Grenze, so dass man mit einmaligem Umsteigen durchkommt.

Grundsätzlich gibt es einige technische Hürden an der Grenze. Ein Wechsel der Spurweite ist selten, aber das Stromsystem bei elektrifizierten Strecken wechselt oft an der Grenze. Da muss man die Lok wechseln oder braucht Mehrsystemloks, die immer noch etwas teurer sind als „normale“ Loks und die deshalb oft etwas knapp sind. Außerdem sind die Signalsysteme in jedem Land anders und zunächst hat das „europäische“ Signalsystem ETCS den Zoo noch um ein System vergrößert. Diese Signalsysteme müssen vom Triebfahrzeug unterstützt und vom Lokführer beherrscht werden. Außerdem muss der Lokführer die Landessprache in dem Land, wo er fährt, zuverlässig beherrschen. Auch das kann ein Grund für Lokwechsel sein, den Einsatz von Steuerwagen verhindern und vor allem Personalwechsel erforderlich machen. Es gibt natürlich Eisenbahner, die die Voraussetzungen erfüllen, um im Nachbarland zu fahren. Aber letztlich machen es diese Hürden attraktiv, an der Grenze die Fahrgäste umsteigen zu lassen und damit das Problem zu lösen, besser noch mit einem Pendelzug, der in beiden Ländern fahren kann und der nur die kurze Strecke über die Grenze fährt.

Eine weitere Hürde kann es sein, dass kurz vor der Grenze ein größerer Ort liegt, der einen relativ großen Bahnhof hat. Die Situation hat man im Fall von Straßburg. Die meisten französischen Züge enden in Straßburg. Sie könnten noch etwa 20 km weiter bis Offenburg fahren, wo Anschlüsse zur wichtigen Nord-Süd-Strecke von Basel nach Karlsruhe und zur etwas unwichtigeren Schwarzwaldbahn nach Konstanz möglich wären. Dafür müsste der Bahnhof in Offenburg etwas größer sein und alle heute in Straßburg endenden Züge müssten mehrsystemfähig sein. Die Lösung wäre aber fahrgastfreundlich und sie würde kürzere Gesamtreisezeiten ermöglichen. Eventuell könnten die Züge teilweise auch stattdessen nach Norden fahren und in Karlsruhe enden, wo mit 16 Gleisen und einer leistungsfähigen Güterzugumfahrung genug Kapazität vorhanden ist, das wären dann aber ca. 80-90 km.

Etwas ähnlich ist die Situation im Fall von Konstanz (Deutschland) und Kreuzlingen (Schweiz), deren Bahnhöfe nur etwa 2 km auseinander liegen. Die Stromsysteme sind gleich. Der Bahnhof Kreuzlingen ist vor wenigen Jahren erweitert und renoviert worden, aber die Kapazität reicht nicht aus, um alle von Norden in Konstanz endenden Züge aufzunehmen. Anderseits führt die Ost-West-Linie südlich von Bodensee und Rhein durch Kreuzlingen und nur Züge, die aus Richtung Weinfelden/Zürich vom Süden kommen, werden bis Konstanz geführt. Je nach Verbindung muss man also auch zweimal umsteigen.

Ein drittes Beispiel ist die Verbindung von Köln nach Belgien. Es gibt etwa alle 1-3 Stunden einen durchgehenden ICE oder Thalis, der unter zwei Stunden braucht. Nimmt man aber andere Züge, etwa weil man ein Fahrrad mitnimmt oder weil man eine Teilstrecke fährt, deren Bahnhöfe die ICEs und Thalis nicht bedienen, dann hat man bis Aachen einen Regionalexpress. Dann fährt man mit einem Regionalzug über die Grenze, der bis Walkenraedt fährt und dann nach Süden abbiegt. In Welkenraedt bekommt man dann einen kurz südlich von Welkenraedt in Eupen beginnenden IC nach Brüssel.

Noch vor wenigen Jahren sah man häufig, dass die Bahnstrecken sogar auf beiden Seiten kurz vor der Grenze endeten, der kurze grenzüberschreitende Abschnitt also „stillgelegt“ oder „nur für Güterverkehr“ war. Das sieht man heute noch an der slowenisch-italienischen Grenze so, während einige dieser Grenzlücken immerhin wieder mit Reisezügen befahrbaren werden, wenn auch oft noch mit zu vielmaligem Umsteigen.

Diese Beispiele sind zum Teil durch nachvollziehbare fahrplantechnische Überlegungen oder durch die technischen Hürden an der Grenze erklärbar. Es wird aber Zeit, dass die Bahnen daran arbeiten, dass der grenzüberschreitende Verkehr auch jenseits von Hochgeschwindigkeitszügen glatter und mit weniger Umsteigen bewältigt werden kann. Wir brauchen einen Ausbau der Infrastruktur, der ein sinnvolles regionale Bahnnetz auf innerhalb von grenzüberschreitenden Regionen ermöglicht, Fahrzeuge, Bahnpersonal und natürlich Streckenausrüstung, die mehr grenzüberschreitende Züge ermöglichen. Dann könnte vielleicht der Regionalexpress von Köln in Lüttich statt in Aachen enden und man käme mit einmaligem Umsteigen schon zu vielen Orten in Belgien. Und die Züge von Norden nach Konstanz könnten noch die 2 km bis Kreuzlingen fahren und Anschlüsse mit nur einmaligem Umsteigen bieten. Ähnliches gilt für andere Regionen.

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Rastatt (wieder offen)

Die Bahnstrecke bei Rastatt ist wieder offen.

Interessant sind nun die folgenden Fragen:

  • Wie wird die Strecke weitergebaut?
  • Wie verhält es sich in Zukunft mit Umleitungsstrecken für diese wichtige Nord-Süd-Verbindung?

An der Weströhre, die von dem Vorfall nicht betroffen war, wird schon seit längerem wieder gearbeitet. Man sollte davon ausgehen, dass zumindest diese Röhre gemäß Zeitplan fertiggestellt werden kann. Auch wenn der Tunnel unter Rastatt im ersten Jahr nur eingleisig befahren werden könnte, wäre es schon ein Gewinn gegenüber dem heutigen Zustand.

Von der havarierten Oströhre fehlt eigentlich nur noch ein sehr kurzes Stück. Dieses ist nun überwiegend mit Beton und mit einer bei der Aktion zerstörten Tunnelbohrmaschine gefüllt. Das kann man sicher ausbrechen, so wie man ja auch Tunnel in Granit bauen kann. Oder man verlegt den Tunnel um ein paar Meter nach unten oder zur Seite und baut neben diesem Betonklotz. Das halte ich aber für unwahrscheinlich. Eine Verschiebung ist wegen der hohen Kurvenradien und der geringen Steigungen auf Bahnstrecken, die sowohl von Güterzügen als auch von Hochgeschwindigkeitszügen befahren werden sollen, schwierig. Vielleicht kann man eine Art offene Bauweise anwenden. Wir werden es sehen.

Die Frage der Umleitungsstrecken ist schon lange vor dem Einsturz bei Rastatt angesprochen worden, auch in diesem Blog. Was nun noch klarer geworden ist: Die reinen Gleiskapazitäten können nicht ausgenutzt werden, weil ein paar Hürden dem entgegenstehen. Die bei weitem naheliegendste Umleitungsstrecke verläuft auf der anderen Rheinseite durch Frankreich von Basel über Straßburg und Lauterburg nach Wörth (gegenüber von Karlsruhe). Sie ist weitgehend zweigleisig und war „früher“ sogar einmal durchgängig zweigleisig. Die Zweigleisigkeit auf dem kurzen Abschnitt zwischen Lauterburg und Wörth könnte und sollte man sicher wiederherstellen. Problematisch ist aber auch:

  • Frankreich hat ein anderes Stromsystem
  • Der nördliche Teil von Straßburg nach Wörth ist nicht elektrifiziert
  • Frankreich hat ein anderes Signalsystem
  • Lokführer müssen für das Land, in dem sie fahren, ausgebildet sein und die Strecken kennen.

Das sind alles lösbare Probleme. Man kann die linksrheinische Strecke durchgängig elektrifizieren. Man kann mehr Zweisystemloks beschaffen, die sich innerhalb des jeweiligen Landes einsetzen lassen. Man kann und muss Loks anpassen, dass sie mit einem weiteren Signalsystem fahren können. Der richtige Weg ist hier, das sogenannte ETCS einzuführen, ein europaweit einheitliches Signalsystem. Dieses ist inzwischen ausgereift und setzt sich nach und nach auf neuen Strecken durch. Und ja, einige Lokführer kann man entsprechend schulen, dass sie in zwei Ländern fahren können.

Die Frage ist, wer das bezahlen soll. Aus französischer Sicht hat die Nord-Süd-Strecke im Rheintal nur südlich von Straßburg eine große Bedeutung. Der nördliche Abschnitt ist quasi eine Stichstrecke in einem relativ dünn besiedelten Gebiet mit einer großen Überkapazität. Wahrscheinlich müssten sich Deutschland, die Schweiz, die EU oder eine Kombination daraus an den Kosten beteiligen.

Die andere plausible Umleitungsstrecke verläuft über Stuttgart. Die Bahnstrecke Zürich – Stuttgart ist immer noch auf einigen Abschnitten eingleisig, z.B. auch in der Schweiz. Da sie eine eigenständige Bedeutung als internationale Fernverbindung hat, wäre ein durchgängiger zweigleisiger Ausbau hier sicher langfristig sinnvoll.

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Fahrkarten kaufen – mal wieder

„Früher“ ging man zum Bahnhof, kaufte eine Fahrkarte zu einem beliebigen Ziel in Europa und fuhr damit. Jeder Staat hatte seine Bahn, aber alle Bahnen waren Teil eines europaweiten Systems und arbeiteten zusammen, zumindest bei so essentiellen Dingen.
Später redete man mehr von „Europa“. Man bekam z.T. sogar eine Fahrkarte aus dem Computer, konnte Reservierungen auch europaweit mache, was „früher“ immer zwei Besuche beim Bahnhof erforderte. Aber man sah auch, dass bei den „Streckenstilllegungen“ sehr oft ein Muster vorkam, dass die Strecken bis kurz vor der Grenze weiterhin betrieben wurden, von beiden Seiten, aber der eigentliche grenzüberschreitende Abschnitt fehlte. Zum Teil wurden diese Strecken inzwischen auch wieder eröffnet, z.B. GronauEnschede oder NiebüllTondern.

Aber wenn man heute Fahrkarten für eine internationale Verbindung kauft, bekommt man oft einen ganzen Stapel Fahrkarten in die Hand gedrückt und es ist für den Verkäufer am Schalter (und erst recht für den Kunden, der es selber im Internet kauft) oft schwierig, die überhaupt hinzubekommen.

Eine weitere Neuerung scheint zu sein, dass man für viele wichtige Verbindungen die Fahrkarten gar nicht mehr am Schalter bekommt. Z.B. fahren Thalys-Züge von Köln nach Brüssel, aber die Fahrkarten dafür verkauft die DB nicht am Schalter. Jetzt muss man sich für eine Bahnfahrt mühsam die Fahrkarten von verschiedenen Webseiten zusammenkaufen.

Es wird Zeit, dass die Bahnen wieder für die Fahrgäste und nicht für die Börse optimiert werden. Und dass man ein System hat, das sich aus verschiedenen Bahngesellschaften zusammensetzt. Die Komplexität dieses Systems sollten die Bahngesellschaften abfangen und es sollte nicht auf den Fahrgast abgewälzt werden. Die Schweiz ist hier vorbildlich. Mit sehr vielen inländischen Verkehrsbetrieben und Bahngesellschaften neben der SBB findet man doch in der Regel an jedem Fahrkartenschalter bzw. am Automat der Bahn das ganze inländische Angebot, zumindest für den Bahnverkehr.

Es wäre schön, wenn wir in Deutschland eine Regierung hätten, die darauf setzt, dass es einen guten und fahrgastfreundlichen Bahnverkehr gibt, nicht nur für Pendler, sondern auch für Gelegenheitsreisende auf internationalen Verbindungen. Aber die „Trinkgelder“, die von Auto- und Ölindustrie gezahlt werden, sind wahrscheinlich für die meisten deutschen Politiker interessanter.

Der Markt kann viele Dinge richten. Bahnverkehr lebt aber von großen Volumina, die typischerweise nur einmal vorhanden sind, und von einer Infrastruktur, die man nur einmal aufbauen kann. Und von möglichst dichten Taktfolgen, die man mit derselben Fahrkarte nutzen kann. Schnell werden Züge, wenn sie viele Halte auslassen, ohne dass deren Bedienung leidet, weil es genug Züge gibt, um sowohl oft genug zu halten als auch vorbeizufahren. Wir brauchen ein gutes Bahnsystem. Ob das intern über mehrere Bahngesellschaften organisiert ist, wie in der Schweiz, oder ob es wirklich eine große Bahn ist, ist ein Implementierungsdetail. Europaweit ist es sowieso aus vielen Gesellschaften zusammengesetzt, denn kaum ein Mensch wünscht sich eine einzige europaweite Bahngesellschaft, in der alle nationalen Bahngesellschaften fusioniert sind. Ich will nur als Fahrgast nicht viel davon merken.

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Rastatt: Streckenöffnung schon am 2. Oktober

Die beiden Betonplatten an der (momentan nicht) vorhandenen Strecke von Rastatt nach Offenburg werden anscheinend schon gegossen und müssen dann aushärten, während schon damit begonnen wurde, darauf die unterste Schotterschicht zu verteilen. Man ist gut vorangekommen und kann nun schon damit rechnen, am 2. Oktober die Strecke wieder zu öffnen.

Interessant ist, dass es erstmal eine 120 m lange Platte werden sollte. Dann eine 100 m lange Platte. Dann zwei Platten. Und jetzt zwei direkt aneinander anstoßende Platten mit insgesamt 275 m Länge und 11 m Breite. Immer war es 1 m dick. Beton muss aushärten. Nach 28 Tagen erreicht er seine Nennfestigkeit. Man kann die Platte etwas überdimenisionieren. Außerdem ist im Moment gar kein Hohlraum darunter, weil ja die bereits gebohrte Oströhre verfüllt worden ist und die Weströhre noch nicht bis zu dem Punkt vorgedrungen ist. In diesem Fall gehe ich davon aus, dass die Bauingenieure ihr Handwerk verstehen. Die ursprüngliche Baumethode war problematischer, weil sie nicht bei fast jeder Baustelle, sondern nur sehr selten angewendet worden ist. Man war sich dessen bewusst und hatte Sensoren installiert, die auch das Problem erkannt haben, bevor es zu einem Unglück kam.

Es bleibt die Kritik, dass man zu wenig in potentielle Umleitungsstrecken investiert hat. Die Alternativen über Stuttgart sind z.T. eingleisig und die Alternative über Frankreich ist nördlich von Straßburg nicht elektrifiziert und ebenfalls teilweise eingleisig. Hier sollte man einen Weg suchen, um die beiden Strecken zweigleisig und durchgängig elektrifiziert auszubauen, genügend Zweisystemloks vorhalten und genügend viele Lokführer ausbilden, um die Strecken fahren zu können.

(teilweise neue) Links:

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Bahnverbindungen zwischen Deutschland und Österreich

Die Bahnverbindungen von Deutschland in die Schweiz sind bekanntlich sehr gut. Das gilt vor allem auf der Rheinstrecke nach Basel, wenn sie wenigstens wenigstens wieder offen ist. Dort baut eine für 200-250 km/h ausgebaute Hochgeschwindigkeitsstrecke. Außerdem wird der längste durchgängig mit vier mehr oder weniger nahe beieinander liegenden Gleisen versehene Streckenabschnitt dann von Minden in Nordrhein-Westfalen nach Basel führen. Auch im Regionalverkehr sieht es gut aus, meist wird dort oft grenzüberschreitend gefahren, auch in Koblenz/Waldshut, Schaffhausen/Singen, Schaffhausen/Erzingen und Konstanz/Kreuzlingen. Die Fernverbindungen von der Schweiz nach München und Stuttgart sind im Moment nicht so gut, sogar schlechter, als sie einmal waren, aber man vertröstet auf die Zeit nach dem großen Ausbau dieser Strecken, wenn alles besser werden soll. Diese relative gute Zusammenarbeit lässt sich vielleicht mit der gemeinsamen Sprache erklären, die einerseits zu mehr grenzüberschreitenden Verkehrsbedürfnissen führt, andererseits aber auch die Zusammenarbeit erleichtert.

Wie sieht es nun also mit Österreich aus, wo man die gleichen Vorteile auch hätte?

Es gibt einige Grenzübergänge für die Bahn nach Österreich. Von Ost nach West sind dies:

  • (Nürnberg -) Passau – Linz (- Wien) mit ICEs alle zwei Stunden und stündlichem Regionalexpress
  • Mühldorf – Braunau mit Umsteigeverbindungen mit Regionalbahnen etwa alle 1-2 Stunden
  • (München/Landshut -) Mühldorf – Freilassing – Salzburg (- Wien): zur Zeit alle zwei Stunden ein Regionalexpress
  • (München/Innsbruck – ) Rosenheim – Salzburg (- Wien): stündliche ICs/Railjets von Innsbruck nach Salzburg ohne Halt in Deutschland, alle zwei Stunden EC/Railjet von München nach Salzburg, stündliche Regionalbahn von München nach Salzburg, 5-6 mal pro Stunde Regionalverkehr von Salzburg nach Freilassing
  • (München/Salzburg -) Rosenheim – Kufstein – Innsbruck (- Brenner): stündliche ICs/Railjets von Innsbruck nach Salzburg ohne Halt in Deutschland, alle zwei Stunden ECs über den Brenner nach Verona, stündliche Regionalbahn mit Umsteigen in Kufstein
  • (München -) Mittenwald – Innsbruck: alle zwei Stunden ein Regionalexpress, einzelne Regionalbahnen dazwischen
  • (München -) Garmisch-Partenkirchen – Ehrwald – Reutte: stündliche Regionalbahn
  • Reutte – Pfronten – Kempten: Regionalbahn alle zwei Stunden
  • Lindau – Bregenz (- Schweiz/Feldkirch): Regionalverkehr alle 30 min, einzelne EC nach Zürich

Man sieht also, dass die Fernverbindungen Frankfurt – Wien, München – Wien und München – Verona alle zwei Stunden gefahren werden. Das ist nicht schlecht, aber man könnte sich natürlich auch einen stündlichen Verkehr auf diesen Verbindungen vorstellen. Der Regionalverkehr über die Grenze ist nicht schlecht, vor allem, wo es auf beiden Seiten nahe der Grenze größere Orte gibt, wie Lindau/Bregenz oder Salzburg/Freilassing.

Eine Merkwürdigkeit ist die Strecke von Garmisch-Partenkirchen via Reutte nach Kempten. Sie durchfährt Österreich, es gibt von Reutte aber keine Verbindungen mit dem Rest von Östereich, ohne durch Deutschland zu fahren. Sie ist von München bis Reutte elektrifiziert und ab dort nicht. Deshalb muss man in Reutte immer umsteigen.

Die Fernverbindung von Bregenz nach München ist trotz der kurzen Fahrt durch Österreich eigentlich eine schweizerisch-deutsche Verbindung und sie wird demnächst elektrifiziert und etwas beschleunigt werden, insbesondere, wenn es gelingt, in Lindau eine zeitsparendere Lösung für den Halt als den heutigen Hauptbahnhof auf der Insel zu finden.

Das Dreieck München – Innsbruck – Salzburg ist in allen drei Richtungen wichtig.

Von Salzburg nach Innsbruck möchte die Österreichische Bahn schneller fahren, nachdem man von Wien bis Salzburg und von Innsbruck bis Kufstein dabei ist, die Strecke auszubauen oder durch eine parallele Neubaustrecke zu ergänzen. Einzig eine Verindungskurve, die das Wenden im Bahnhof von Rosenheim vermeidet, hat man gebaut.

Von München nach Innsbruck ist die Fahrt über Rosenheim ein großer Umweg und im Verhältnis zu der Investition für den Brenner-Basistunnel könnte man eine Direktverbidung von München nach Süden mit einem langen Tunnel durchaus in Betracht ziehen. Das wird aber wohl von der deutschen Seite abgelehnt und so wird der Umweg ausgebaut. In der Nähe von München hat man die S-Bahnen über lange Strecken auf eigene Gleise gelegt und damit zumindest Kapazität geschaffen.

Interessanterweise verfolgt man für die dritte Verbindung von München nach Salzburg, die heute auch über Rosenheim verläuft, eine nördlichere Route über Mühldorf. Diese ist etwa genauso lang. Sie soll für 160 km/h ausgebaut werden, dazu zweigleisig und natürlich elektrifiziert werden. So möchte man die andere Strecke entlasten, die ja mit den anderen beiden Dreiecksverbindungen genug Verkehr hat. Es ist immer gut, wenn man parallele Strecken als Ausweichverbindungen hat und diese Verbindung über Mühldorf zu elektrifizieren und moderat auf 160 km/h auszubauen ist sicher kein Fehler, auch im Hinblick auf den schnelleren Regionalverkehr.

Aber so ein Ausbau für 160 km/h ist sicher nicht die ideale Konstellation für die angestrebte Schnellverbindung von Paris nach Budapest und Wien über München. Diese Strecke ist so lang, dass ohnehin Nachtzüge die richtige Lösung sind. Heute dauert es etwa 13-14 Stunden, 10-11 Stunden wären mit besseren Anschlüssen und den in Bau befindlichen Beschleunigungen wohl machbar. Und mit noch konsequenterem Ausbau, auch zwischen München und Salzburg, könnte man vielleicht auf 8-9 Stunden kommen. Nachtzüge sind also auf jeden Fall richtig, aber ein Teil der Fahrten wird auch tagsüber stattfinden und nur einen Teil der Strecke befahren. Warum baut man also nicht die Strecken von Rosenheim nach München, Innsbruck und Salzburg entsprechend 3-4-gleisig und für 200-250 aus? Sie werden jeweils von zwei der drei Dreickecksverbindungen genutzt. Eine andere interessante Möglichkeit wäre es, die direkte Strecke von Mühldorf über Braunau nach Linz auszubauen und auf dem Weg von Mänchen nach Wien an Salzburg vorbeizufahren. Das würde die Strecke und auch die Fahrzeit verkürzen. Die Linie von Innsbruck nach Wien würde weiterhin stündlich über Salzburg verkehren und von München nach Salzburg könnte man „Supereilzüge“, also schnelle, selten haltende Regionalexpress-Züge stündlich einsetzen.

Über die Strecke Nürnberg – Regensburg – Passau – Linz (- Wien) hört man wenig, aber es gibt ein entsprechende Ausbauprojekte auf beiden Seiten der Grenze im BVP.

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